Historisches

4. Die Geschichte der Pestalozzischule (Auszug aus dem Schulprogramm)
Seit April 1920 bis heute über 85 Jahre Hilfe und Förderung für die Kinder anzubieten, die es aus vielfältigen Gründen schwer haben, zu lernen und sich schließlich doch zurechtfinden müssen im Leben, das ist eine über ein ganzes Menschenleben reichende Spanne pädagogischer Tradition. In wechselhafter deutscher, zugleich städtischer Geschichte, haben Generationen von Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrer unter der Leitung von 5 Schulleiterinnen und Schulleitern ihr Tagwerk gemeinsam gestaltet und sich dabei stets einem Vorbild nahe gewusst – J . H. Pestalozzi. Bis heute gründet sich die Identität der Schule, ob „Notschule“, Hilfsschule, Sonderschule oder Förderzentrum genannt, auf den gewiss idealistischen Glauben Pestalozzis, dass jeder Mensch mündig ist, sein Schicksal selbst zu gestalten, in welchem Maße er auch ein Produkt seiner Lebensumstände ist, und welchem Maße er fremder Hilfe bedarf. Die Maximen Pestalozzis, dass der Mensch, „Werk der Natur“, „Werk der Gesellschaft“ und „Werk seiner selbst“ ist, sind sicher heute noch gültig. So wird bei Pestalozzi schon deutlich, dass das Kind nur in den Grenzen seiner Anlagen seinen Weg finden kann, aber die Chance bekommen muss, diesen Weg selbstbestimmt zu gehen. Dazu bedarf es der Erziehung als Hilfe zur Menschwerdung. Diese Hilfe zu leisten ist Aufgabe der Familie, der Schule – ja letztendlich Aufgabe der Gesellschaft. Sie ist zu leisten von jedem Einzelnen an jedem Einzelnen.
Hier hat sich die Stadt Goslar, heute stets so stolz auf ihre mittelalterlichen sozialen Einrichtungen und Traditionen, so offenbart die Chronik, am Anfang unserer Schulgeschichte offensichtlich schwer getan. Die Pestalozzischule hatte eine schwere und lange Geburt und man hat den Eindruck: sie war kein Wunschkind der Stadtoberen.
Die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert hatte die Schulpflicht gebracht, die die Voraussetzung dafür war, dass ein Bedarf an Schulen für entwicklungsgehemmte oder schwach befähigte, im Lernen beeinträchtigte Kinder entstehen konnte. Zunächst ent-standen (Internats-) Schulen für taube und blinde Kinder: 1778 Leipzig, 1788 Berlin oder Gehörlosenschulen: 1799 Kiel. 1804 Wien, 1806 Berlin, 1809 Chemnitz – Blindenschulen! Zwischen 1800 und 1860 entstanden Nachhilfeklassen, „Notschulen“, die außer geistig behinderten vor allem umwelt-/milieugeschädigte Kinder aufnahmen. Erst um 1870 und danach wurden Schulen für schwach befähigte Kinder errichtet, die sich unter dem Namen „Hilfsschule“ bald schnell ausbreiteten. 1867/68 Dresden, 1874 Gera, 1875 Chemnitz, Apolda, 1879 Elberfeld, 1881 Braunschweig, Leipzig.
So waren 1905 bereits in 143 Städten 15000 Kinder in 700 Hilfsschulklassen. 1912 waren es in 285 Städten bereits 39000 Kinder in 1700 Hilfsschulklassen. Nur: Goslar gehörte nicht dazu. Es widerstrebte der Entwicklung. Obwohl das „Schul-Collegium“ auf eine Verfügung der Königlichen Regierung vom 23.04.1901 hin dem Goslarer Magistrat die Errichtung einer Hilfsschule mit sehr eindrucksvollen Worten nahe legte: „Wir halten es für wünschenswert und segensreich, durch Gründung einer Hilfsschule diesen ärmsten unter den Kindern zu helfen, sie nach Möglichkeit zu brauchbaren Menschen zu erziehen und sie womöglich durch die Hilfsschule vor späterer Verwahrlosung zu bewahren“, so geschah in den Jahren 1902 bis 1919 nichts. Die Chronik belegt den langen Weg. Was hinderte den Goslarer Magistrat, das zu tun, was schließlich in nahezu 300 Städten begriffen und verwirklicht wurde? Wir wissen über die Hintergründe der wiederholten Ablehnungen nichts. So musste erst der Erste Weltkrieg mit seinen politisch-sozialen Umbrüchen und die Revolution das Verständnis der Öffentlichkeit für die „ärmsten“ Kinder wecken. 1920, im Jahr, als schon der Name „Sonderschulen“ entstand, errichtete Goslar endlich seine Hilfsschule.